Schlesisches Tagebuch

Augenzwinkernd erzählt Max Selig von Kindheitserlebissen im Schlesien der 30er Jahre - in einer Welt, die heute fast vergessen ist. Während diffus, jedoch stets wahrnehmbar, der finstere Schatten des Naziregimes über allem schwebt, erkundet der kleine Max mit kindlicher Neugier die Welt und kommt so manchem "dunklen" Geheimnis der Erwachsenen mit Unschuldsmiene auf die Schliche. Die Geschichten sind aufrichtig, echt, glaubwürdig und zugleich unschuldig, frech, spannend - und gerade dadurch von entlarvendem Realismus. Max Selig erzählt von Toten, die statt hinauf ins Himmelreich schaukelnden Mädchen unter die Röcke gucken; von der schwierigen Unterscheidung zwischen Vätern und Papas; von der Angst des Alleinseins; davon, wie man einen verrutschten Magen mit einem Pflaster am alten Ort fixiert; von fliegenden Hilfsschulen, die Rosengärten hinterlassen; von Rosen, die über Nacht arisch werden und noch von vielem mehr. Das Buch vermittelt auf einzigartige Weise die Skurrilität des Alltags. Die Geschichten malen das Bild einer Zeit, die wir heute fast nur noch aus Geschichtsbüchern kennen, die hier aber aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet wird. Überraschenderweise zeigt sich, daß sich in vielen Dingen bis heute nichts geändert hat.

 

Rezension

Szene: ein Märchenerzähler sitzt am offenen Kamin, seine Enkelkinder um sich versammelt, und die leinen lauschen mit offenem Mund...
danach sind die Geschichten, und doch sind sie mehr. Sie erzählen von einer versunkenen Welt, der der  Kindheit. Es sind schlesische Geschichten, durch die der anheimelnde Geruch nach Pfefferkuchen, nach Gänsebraten und nach Heimat zieht. Schon allein die Namen: die Kramer Elli, Lehrer Klinke, Gottschalk Zick und die Klenner Ilse werden wieder ebendig, schaukeln über einem Sarg, probieren heimlich die ersten Kondome aus und malen Stammbäume, die wie echte deutsche Eichen aussehen. Die große Politik streift auch die kleine Welt: Kriegsspiele auf dem Dachboden, der Besuch beim gefangenen kommunistischen Onkel, oder die Auswirkungen der sogenannten Reichskristallnacht. Eine gelungene Mischung aus Wehmut, aus Stille, aus Witz und Wortwitz und, vor allem: großartig erzählt. Geschichten zum Vorlesen, zum staunenden Zuhören, zum Ankommen und zum Nachdenken.
 

 

Dr. Sigrid Habersaat